Baldrian und Passionsblume gehören zu den bekanntesten Heilpflanzen überhaupt – und zu denen mit der größten Lücke zwischen Bekanntheit und dem, was ein Nahrungsergänzungsmittel dazu sagen darf. Das erklärt, warum Produktseiten hier so auffällig wortkarg sind.
Warum diese Pflanzen ein Sonderfall sind
Baldrian, Passionsblume, Melisse und Hopfen sind seit Jahrhunderten in Gebrauch. Sie sind so gut dokumentiert, dass es für sie zugelassene Arzneimittel gibt – traditionelle pflanzliche Arzneimittel, die in der Apotheke stehen und deren Anwendungsgebiete auf der Packung genannt werden dürfen.
Genau daraus entsteht die Verwirrung. Dieselbe Pflanze kann in zwei völlig verschiedenen Rechtsformen im Regal stehen:
| Merkmal | Arzneimittel | Nahrungsergänzungsmittel |
|---|---|---|
| Zulassung | behördlich, produktbezogen | keine, nur Anzeige |
| Anwendungsgebiet | darf genannt werden | darf nicht genannt werden |
| Dosierung | festgelegt | Verzehrempfehlung des Herstellers |
| Wo erhältlich | Apotheke | frei |
Für Nahrungsergänzungsmittel gilt: Keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe – weder für Baldrian noch für Passionsblume, Melisse, Hopfen oder Lavendel. Jede Aussage zu Schlaf, Unruhe oder Entspannung ist unzulässig.
Kurz gesagt: Wenn eine Produktseite zu Baldrian auffällig wenig verspricht, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern von Regelkonformität. Wer dort ein Wirkversprechen liest, liest ein unzulässiges.
Baldrian – Wurzel, Geruch und Pulver
Verwendet wird die Wurzel des Echten Baldrians (Valeriana officinalis), nicht das Kraut. Der charakteristische Geruch entsteht erst beim Trocknen – die frische Wurzel riecht deutlich milder.
Der Geruch geht auf Isovaleriansäure zurück, die beim Trocknen aus den enthaltenen Verbindungen freigesetzt wird. Katzen reagieren darauf bekanntlich auffällig – ein Phänomen, das mit der menschlichen Anwendung nichts zu tun hat.
Bei Baldrianprodukten ist die entscheidende Unterscheidung dieselbe wie bei allen Pflanzen: Wurzelpulver oder Extrakt. Pulver ist die getrocknete, gemahlene Wurzel; ein Extrakt konzentriert bestimmte Bestandteile und trägt ein Extraktverhältnis.
Als Leitsubstanzen werden bei Baldrian üblicherweise Valerensäuren genannt. Ihre Angabe findet sich vor allem auf Arzneimitteln – bei Nahrungsergänzungsmitteln ist sie selten.
Passionsblume – und die zweite Zahl
Die Passionsblume (Passiflora incarnata) stammt aus Nordamerika. Ihr Name geht auf spanische Missionare zurück, die in der ungewöhnlichen Blütenform Symbole der Passionsgeschichte erkannten – nicht auf eine Eigenschaft der Pflanze.
Verwendet wird das Kraut. Bei Extrakten sind zwei Angaben aussagekräftig, und beide sollten nebeneinander stehen:
- Das Extraktverhältnis. „12:1“ bedeutet, dass zwölf Teile Kraut zu einem Teil Extrakt eingedampft wurden.
- Der Flavongehalt. Die übliche Standardisierungsgröße, meist in Prozent oder Milligramm angegeben.
Ein Rechenbeispiel: 750 mg Extrakt mit ausgewiesenen 15 mg Flavonen entsprechen einer Standardisierung auf 2 Prozent. Bei einem Verhältnis von 12:1 stecken darin zugleich 9.000 mg Krautmaterial.
Ohne diese Angaben ist ein Passionsblumenprodukt nicht bewertbar – mit ihnen lässt es sich mit jedem anderen vergleichen.

Beide Angaben deklariert: Extraktverhältnis 12:1 und 2 Prozent Flavone, also 15 mg. Zwei Zutaten insgesamt, zwei Kapseln täglich.
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Gemahlene Baldrianwurzel statt Extrakt – das volle Stoffspektrum der Wurzel. Zwei Zutaten insgesamt: Wurzelpulver und Cellulosekapsel. Eine Kapsel täglich.
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Was sich sagen lässt – und was nicht
Zum Thema Schlaf existiert im Lebensmittelrecht genau eine zugelassene Angabe, und sie gehört keiner Pflanze: Melatonin trägt dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen – bei 1 mg kurz vor dem Schlafengehen.
Alles andere in diesem Bereich ist nicht zugelassen: keine Aussage zu Durchschlafen, Schlafqualität, Entspannung, innerer Ruhe oder Stress – und keine für Baldrian, Passionsblume, Melisse, Hopfen oder Lavendel.
Was zulässig beschrieben werden darf: Pflanzenteil, Extraktverhältnis, Leitstoffgehalt, Herkunft und Verarbeitung. Bei diesen Pflanzen ist das die gesamte verfügbare Information – und deshalb umso wichtiger.
Einnahme und Vorsicht
- Verzehrempfehlung beachten. Sie steht auf der Packung und ist maßgeblich.
- Nicht mit beruhigenden Medikamenten kombinieren ohne ärztliche Rücksprache.
- Fahrtüchtigkeit: Wer nach der Einnahme Müdigkeit verspürt, sollte kein Fahrzeug führen.
- Trocken und lichtgeschützt lagern.
Nicht vorgesehen sind diese Präparate in aller Regel für Kinder, Schwangere und Stillende.
Und der wichtigste Punkt: Anhaltende Schlafstörungen über Wochen haben vielfältige mögliche Ursachen. Sie gehören ärztlich abgeklärt – nicht dauerhaft mit einem Präparat überdeckt.
Wichtig: Nicht für Kinder, Schwangere und Stillende geeignet. Bei gleichzeitiger Einnahme beruhigender Medikamente vor Gebrauch ärztlichen Rat einholen. Anhaltende Schlafstörungen gehören ärztlich abgeklärt.
Häufige Fragen
Warum steht auf Baldrian-Kapseln keine Wirkung?
Weil für Baldrian als Nahrungsergänzungsmittel keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen ist. In der Apotheke gibt es zugelassene Arzneimittel mit demselben Pflanzenmaterial – dort gelten andere Regeln.
Was ist der Unterschied zwischen Wurzelpulver und Extrakt?
Pulver ist die getrocknete, gemahlene Wurzel. Ein Extrakt konzentriert bestimmte Bestandteile und trägt ein Extraktverhältnis.
Was bedeutet 12:1 bei Passionsblume?
Zwölf Teile Kraut ergeben einen Teil Extrakt. 750 mg Extrakt entsprechen damit 9.000 mg Krautmaterial.
Was sind Flavone?
Die übliche Standardisierungsgröße bei Passionsblumenextrakten, meist in Prozent angegeben.
Warum riecht Baldrian so streng?
Der Geruch entsteht erst beim Trocknen der Wurzel. Die frische Wurzel riecht deutlich milder.
Welche Angabe zum Schlaf ist überhaupt zugelassen?
Nur eine: Melatonin trägt bei 1 mg dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen.
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Die angegebene empfohlene tägliche Verzehrmenge darf nicht überschritten werden. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.