Kein anderer Nährstoff wird in Deutschland so früh gezielt gegeben wie Vitamin D. Schon in der zweiten Lebenswoche beginnt die Prophylaxe – und der Grund dafür liegt im Knochen.
Warum Kinder Vitamin D brauchen
Ein Kinderskelett ist eine Baustelle. In den ersten Lebensjahren und noch einmal in der Pubertät wird Knochenmasse in einem Tempo aufgebaut, das später nie wieder erreicht wird.
Vitamin D wird für ein normales Wachstum und eine normale Entwicklung der Knochen bei Kindern benötigt. Es steuert, wie viel Calcium und Phosphat aus dem Darm aufgenommen wird – also das Baumaterial selbst.
Fehlt es über längere Zeit deutlich, bleibt der Knochen weich. Das klassische Krankheitsbild heißt Rachitis. Es war im 19. Jahrhundert in Industriestädten verbreitet und ist der historische Grund für die heutige Prophylaxe.
Außerdem trägt Vitamin D zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei Kindern bei.
Kurz gesagt: Vitamin D entscheidet mit darüber, wie viel Calcium überhaupt im wachsenden Knochen ankommt.
Die Prophylaxe im ersten Lebensjahr
Säuglinge sollen nicht in die direkte Sonne, und Muttermilch enthält nur wenig Vitamin D. Beides zusammen erklärt die Empfehlung der kinderärztlichen Fachgesellschaften:
- 10 bis 12,5 µg täglich (400 bis 500 I.E.)
- ab dem Ende der ersten Lebenswoche
- bis zum zweiten erlebten Frühsommer – je nach Geburtsmonat also 12 bis 18 Monate
Die Gabe erfolgt als Tablette oder Tropfen, häufig kombiniert mit Fluorid. Sie wird vom Kinderarzt verordnet und begleitet – Präparat und Menge werden dort festgelegt, nicht im Drogerieregal.
Wie gut Kinder in Deutschland versorgt sind
Die größte Datenbasis dazu stammt aus der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts. Gemessen wurde der Blutwert 25-OH-Vitamin-D.
Das Ergebnis: Knapp die Hälfte der Kinder und Jugendlichen lag unter 50 nmol/l – dem Wert, der als ausreichend für die Knochengesundheit gilt. Rund jedes achte Kind lag unter 30 nmol/l.
Wer häufiger niedrige Werte hat:
- Jugendliche stärker als Kleinkinder
- Kinder mit dunklerer Haut
- Kinder, die wenig Zeit im Freien verbringen
- alle – in den Monaten Januar bis April
Der letzte Punkt folgt aus der Geografie: Zwischen Oktober und März steht die Sonne in Deutschland zu flach für die Eigenbildung in der Haut. Der Körper lebt dann von den Speichern aus dem Sommer.
Mehr dazu: Vitamin D im Winter →
Sonne, Essen, Bewegung
Die Haut ist die Hauptquelle. 80 bis 90 Prozent des Vitamin D entstehen unter UVB-Licht. Von Frühjahr bis Herbst genügt es nach Einschätzung der Fachgesellschaften, wenn Kinder regelmäßig draußen spielen – Gesicht, Hände und Arme unbedeckt, ohne Sonnenbrand zu riskieren.
Die Ernährung trägt wenig bei. Kinder nehmen im Schnitt nur 1 bis 2 µg täglich über Lebensmittel auf. Nennenswerte Mengen liefern fast nur fetter Seefisch, in geringerem Maß Eier und Pilze.
Der Schätzwert der Deutschen Gesellschaft für Ernährung bei fehlender Eigenbildung liegt für Kinder ab einem Jahr bei 20 µg täglich – eine Lücke, die sich über Essen allein nicht schließen lässt.
Die Obergrenzen je Alter
Vitamin D ist fettlöslich und wird gespeichert. Zu viel führt zu einem erhöhten Calciumspiegel im Blut – bei Kindern schneller als bei Erwachsenen. Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA nennt diese tolerierbaren Tageshöchstmengen aus allen Quellen:
| Alter | Höchstmenge pro Tag |
|---|---|
| 0 bis 6 Monate | 25 µg (1.000 I.E.) |
| 6 bis 12 Monate | 35 µg (1.400 I.E.) |
| 1 bis 10 Jahre | 50 µg (2.000 I.E.) |
| ab 11 Jahren und Erwachsene | 100 µg (4.000 I.E.) |
Was daraus folgt: Hochkonzentrierte Tropfen für Erwachsene sind für Kinder ungeeignet. Ein einzelner Tropfen kann ein Mehrfaches der kindlichen Höchstmenge enthalten – und Tropfen lassen sich leicht falsch abzählen.
Nach dem ersten Lebensjahr gilt deshalb: Erst der Blutwert, dann die Entscheidung – gemeinsam mit dem Kinderarzt.
Häufige Fragen
Wie lange bekommen Babys Vitamin D?
Bis zum zweiten erlebten Frühsommer, je nach Geburtsmonat 12 bis 18 Monate.
Brauchen gestillte Kinder es auch?
Ja. Muttermilch enthält nur wenig Vitamin D, die Empfehlung gilt unabhängig von der Ernährung.
Woran zeigt sich ein Mangel?
Lange gar nicht. Sicherheit gibt nur der Blutwert 25-OH-Vitamin-D, den der Kinderarzt bestimmen kann.
Reicht Draußenspielen im Sommer?
Bei den meisten gesunden Kindern ja. Im Winterhalbjahr findet in Deutschland kaum Eigenbildung statt.
Blockiert Sonnencreme die Bildung?
In der Theorie deutlich, im Alltag weniger als angenommen. Hier steht, warum.
Können Kinder Erwachsenen-Tropfen bekommen?
Nein. Die Konzentration ist auf Erwachsene ausgelegt und überschreitet die Höchstmengen für Kinder schnell.
Wichtig: Die Vitamin-D-Gabe bei Säuglingen und Kindern gehört in die Hand des Kinderarztes. Präparate für Erwachsene sind für Kinder nicht geeignet. Eine Überdosierung kann zu einem erhöhten Calciumspiegel mit ernsten Folgen führen.
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.